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Das Dorf 

Wenn man die Stadt Temeschburg auf der Staatsstraße 69 in nördlicher Richtung verlässt, erreicht man nach zehn Kilometern eine Straßenablegung. Rechts führt die Staatsstraße weiter in Richtung Arad. Links erreicht man nach weiteren zwei Kilometer das Dorf "St.-Andres".
St.-Andres wurde von seinen Einwohnern einfach "Andres" genannt und war einer der als Banater Riesendörfer bekannter Ort. St.-Andres war sowohl von seiner Ausdehnung her als auch nach der Einwohnerzahl ein wirkliches Riesendorf mit mehreren tausend Einwohnern.

Die Banater Riesendörfer sind bei der Besiedlung durch die auswandernden Kolonisten aus Deutschland als deutsche Großdörfer entstanden. Sie wurden schon von den Feldvermessern des kaiserlichen Gouvernneurs,Graf Mercy, als Großdörfer konzipiert und boten dadurch alle Voraussetzungen, sofort ein selbstständiges und lebensfähiges Eigenleben zu entwickeln.

Das eigentliche Dorf war ein wie mit dem Lineal gezogenes Rechteck.
Fünf lange Gassen verliefen in Ost-West-Richtung. Das waren: die Altgaß, die Zwettgaß, die Fuchsgaß, die Zigeunergaß und die Wasserstadt/Hutweide. In Nord-Südrichtung wurden diese Gassen durch fünf Kreuzgassen überquert. Die westliche dieser Kreuzgassen wurde Drei-Jakobs-Gaß genannt. Außerhalb dieses geschlossenen Rechtecks befand sich an der Ortseite des Ortes das Neue Dorf. Nach dem ersten Weltkrieg begann die Gemeinde dort an junge Bewerber, die keinen eigenen Grund und Boden hatten, kleinere Baugrundstücke zu vergeben, worauf sie ihre Häuschen bauen konnten. So entstand dort im Laufe der Jahre eine ganze Siedlung, die Neudorf genannt wurde.
Das Wohngebiet der Rumänen befand sich im westlichen und südwestlichen Teil des Dorfes. Der Ortsteil der Zigeuner, Muskowi genannt, lag etwas abseits und war vom übrigen Dorf vollkommen isoliert. Mit dem deutschen Dorf hatte dieses Viertel nichts gemein und keine Ähnlichkeit. Es gab dort keine abgegrenzten Grundstücke, Höfe oder Gärten. Gepflasterte Gehwege fehlten ganz und die Häuser waren größtenteils unverputzt. Alles sah unsauber, verlottert und verwahrlost aus. Diese Zustände haben wesentlich dazu beigetragen, das wir so geringschätzig über diese Menschen dachten und sie oft herablassend behandelten.
Die Gassen im Dorf waren etwa dreißig bis vierzig Meter breit. Entlang der Grundstücke gab es im ganzen Dorf gepflasterte Gehsteige. Paralell zu den Gehwegen standen Baumreihen. Es handelte sich dabei größtenteils um Akazienbäume. In der Mitte der Gassen verliefen feste Straßen bzw. Fahrwege. Die mittlere Kreuzgasse war die Hauptstraße, die als Landstraße durch St.-Andres nach Mercydorf und in weitere im nördlichen Banat gelegene Dörfer führte.
Die große räumliche Ausdehnung des Dorfes hatte seine Hauptursache in der Größe der einzelnen Grundstücke. Faßt jeder Bauernhof hatte zwei Häuser. Das Haus des Bauern und das "Vorbehaltshaus", in dem die Eltern auf dem Altenteil wohnten.
Bevorzugte Bauweise waren Spitzdachhäuser mit dem Giebel zur Straßenseite. In jedem Frühjahr wurden die Häuser frisch geweißt und mit einem blauen oder braunen Sockel versehen. So sah das ganze Dorf blütenweiß, hell und freundlich aus. In den Giebelhäuser gelangte man von der Gasse aus durch eine Tür an einer Seite des Giebels auf den Gang. Der Gang, auch Laubengang genannt, war ein überdachter Flur der zur Hofseite offen war. An der offenen Seite wurde das Dach durch eine Pfeilerreihe abgestützt.
In der letzten Zeit erbaute Häuser hatten auch schon andere Formen, aber die überwiegende Mehrzahl besonders die Bauernhäuser, hatten das beschriebene Aussehen. Alle Grundstücke waren an der Straßenseite von Bretter-oder Lattenzäunen begrenzt, die ebenfalls immer frisch geweißt oder gestrichen waren.
Ein Schwabendorf im Banat machte stets einen hellen, weiten und sauberen Eindruck. Der ganze Stolz und Ehrgeiz der Banater Schwaben lag darin, daß man beim Betreten des Dorfes sofort erkannte, daß es ein deutsches Dorf war. Die Einwohnerschaft des Dorfes war sozial streng gegliedert. An der Spitze stand die zahlenmäßig recht kleine Dorfintelligenz oder "Herrische" wie sie genannt wurden. Zu ihnen zählten Lehrer, Kindergärtnerinnen, Arzt, Apotheker, Pfarrer, Postmeister, Notar und noch einige andere aus dem Verwaltungs-und Angestelltenbereich.
Die große Mehrheit im Dorf bestand aber aus Bauern. Sie waren auch die dominierenden Kräfte, die das ganze Leben im Dorf bestimmten.
Eine zahlenmäßig bedeutend kleinere Gruppe, die Handwerker und Gewerbetreibenden, besaß eine recht solide und geachtete Positoin im Dorf. Durch sie wurden alle Gewerke und Dienstleistungen sichergestellt, so daß eine lückenlose und allseitige Versorgung gewährleistet war. Die Zahl derer, die weder einen Bauernhof besaßen noch ein Gewerbe betrieben, war nicht allzugroß. Sie wurden im Dorf unter dem Begriff "die Armen" zusammengefasst. Sie verdienten sich ihren Lebensunterhalt als Taglöhner (Saisonarbeiter), die bei den Bauern tageweise zur Ernte oder zur Hackfruchtpflege Beschäftigung fanden. Zwischendurch verschafften sie sich mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten wie z.B. Seidenraupenzucht, Tabakanbau oder Lehmziegelherstellung eine zusätzlichen Verdienst. Ihre Kinder wurden von den Bauern des Dorfes als Knechte und Mägde eingestellt. Sobald diese aber heirateten, waren sie auch Tagelöhner.
Im Dorf gab es alle erforderlichen Institutionen und Einrichtungen, so das es in seiner Gesamtheit eine geschlossene, selbstständige und lebensfähige Kommune bildete.
Im Zentrum des Dorfes stand die weithin sichtbare, große katholische deutsche Kirche.
Die Rumänen gehörten der griechisch orthodoxen Religion an und hatten eine eigene Kirche im Dorf, die aber bedeutend kleiner als die katholische war.
Gegenüber der deutschen Kirche stand das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des ersten Weltkrieges.Vierundsechzig Namen waren darauf eingemeißelt. Links vom Kriegerdenkmal stand eine kleine Kapelle mit einer Statue der heiligen Maria und nebenan ein Kreuz mit Jesus Kristus. Hinter dem Kriegerdenkmal war der Tennisplatz für die "Herrische" . Im Zentrum um die Kirche befanden sich das Warschhaus (Rathaus), die Schule, das Pfarrhaus, die Owoda( Kindergarten), Arztpraxis, Apotheke, Gendarmerie und die Post.
Das Dorf hatte zwei große Tanzsäle. Der eine in der Gaststätte Rausch und der andere in der Gaststätte Dusel sowie einen kleineren beim Gastwirt Jobb. Für die Rumänen gab es einen weiteren Saal: das Nationalhaus, das gegenüber der rumänischen Kirche neu erbaut wurde und in dem sie ihre Feierlichkeiten und Tanzveranstaltungen abhielten.
Darüber hinaus gab es im Ort noch weitere vier Gaststätten. In zwei großen Läden, bei Czelhan und bei Körmendy, konnte man neben den Waren des täglichen Bedarfs auch Konfektion,Textilien,Gerätschaften und Kleinmaterial des Handwerkerbedarfs erwerben. Acht weitere Geschäfte für den Einkauf von Lebens-, Genuß- und Gebrauchsmittel, verteilten sich auf den ganzen Ort. Im Dorf gab es mehrere Fleischer, Schmiede, Wagner (Stellmacher), Schuhmacher, Schneider, Tischler, Ballwierer (Friseure), Maurer und Maler. Es fehlten auch nicht die Uhrmacher, Schornsteinfeger, Spengler (Klempner), Schlosser, Bäcker, Binder (Böttcher) und auch eine Hebame gab es im Dorf. Eine große Mühle und mehrere Schrotmühlen, eine Molkerei, Sparkasse und zahlreiche weitere Einrichtungen vervollständigten das Netz der Sicherstellungs- und Versorgungseinrichtungen.

Solche kompakte Eigenständigkeit in einem Dorf ist wahrscheinlich ein besonderes Merkmal deutscher Siedlungsgebiete in einem fremden Land.

Diese Dörfer, die es in solcher Form im ganzen Banat gab, waren echte Zeugnisse deutschen Fleißes, deutscher Kultur und Stolzes. Sie waren das Ergebnis Jahrhunderte langer, erfolgreicher Arbeit deutscher Kolonisten.

Prof:Heinrich Lay                      

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